Äpfel und Bananen: Was nützen sie wirklich?
Vorspiel: Zwei Cowboys in Edgeworth-Town
Es ist Mittag, high noon, und zwei Gestalten nähern sich von zwei Seiten dem leergefegten Marktplatz; es sind zwei Cowboys, deren Blicke argwöhnisch über den Platz wandern. Der eine, A, trägt einen Korb voll mit Äpfeln, während der andere – er heisst B - einige Bananen mitgebracht hat.
Es wird getauscht. Zuerst wollen beide – entsprechend ihrer Isonutzenkurven – 4 Äpfel gegen 5 Bananen tauschen. Aber dann erinnert sich Cowboy A an eine Bekanntmachung im Saloon, auf der sich die örtliche Schönheit für Bananen stark machte. Die Argumente der Frau haben ihn überzeugt: Er MUSS unbedingt mehr Bananen haben, koste es Äpfel wie es wolle. Er schlägt Cowboy B vor, 10 Äpfel gegen 7 Bananen zu tauschen. Das macht B skeptisch – hat er vielleicht den Wert von Bananen unterschätzt? Er lässt das leuchtende Gelb und das milde Aroma von Bananen noch einmal durch seinen Kopf gehen, und sieht ein, dass er Bananen wohl selber auch lieber hat. Er verlangt nur noch 3 Äpfel, und will aber nur noch eine einzige Banane dafür hergeben. Ein erbittertes Handeln und Feilschen findet statt. Nachdem A ihm schliesslich vorschlägt, ALLE seine Äpfel für eine einzige Bananen zu geben, willigt B ein. A, der sein Glück kaum fassen kann, macht sich sofort über die erste Banane her. Sie schmeckt ziemlich schlecht. Er will sie zurücktauschen. Aber B schüttelt den Kopf. Von den tränengetränkten Blicken des anderen Cowboys lässt er sich schliesslich erweichen, und tauscht die angebissene Banane gegen einen hässlichen Apfel. A willigt ein, isst seinen Apfel und ist daraufhin – so endet die Geschichte – verdammt glücklich!!!
Findet ihr diese Situation skurril? Ich eigentlich auch. Aber wenn ich die Verhaltens- und Menschenbilder, die einem während des Studiums ‚nahegelegt’ werden, im Folgenden mal grob zuspitze, ist die Situation aus Egdeworth Town durchaus realistisch.
Was wäre die theoretische Wirtschaftswissenschaft und das gemeine VWL-Studium auf der einen Seite ohne wegweisende Begriffe wie ‚Pareto-Effizienz’? Dieses Prinzip, dass sich nach vielen verkorksten kardinalen Gütekriterien in der Geschichte der VWL als ordinaler Lichtblick erwies, besticht durch Klarheit, Einfachheit und Zustimmbarkeit. Eine Tauschsituation ist dann pareto-effizient, wenn niemand mehr besser gestellt werden kann, ohne dass jemand schlechter gestellt wird, oder, scheinbar äquivalent, wenn keiner mehr Lust hat zu tauschen. Letzere Aussage ist insofern praktischer, insofern sie Marktergebnisse rechtfertigt, ohne dass man sich mit den Nutzen einzelner Marktteilnehmer beschäftigen muss: Die Suche des Menschen nach seinem Glück, so er es denn auf dem Markt finden kann, wird internalisiert. Weg also mit U=logxy oder U=2x+y, soll jedes Individuum doch bitteschön selber rechnen, denn die Wahlhandlung zählt! Also: Jeder Tausch ist eine pareto-effiziente Wahlhandlung. Mit solchen Aussagen bekommt der gelehrsame Student während seines gesamten Studiums immer wieder das starke Menschenbild des souveränen Individuums als Ausgangspunkt intravenös verabreicht und „weiss“ am Ende: Je mehr rumgetauscht wird, desto besser!
An anderer Stelle knabbern besonders Teilgebiete der BWL mit Erkenntnissen aus der Verhaltensforschung immer mehr von der Zuversicht an Pareto und Co. ab. Der Nutzen, den mir ein X oder ein Y bietet, ist dort keineswegs mehr autonom, sondern hängt von der Tauschsituation ab: Zum Bespiel ist er durch den informativen, aber auch manipulativen Charakter von Werbung beeinflussbar (siehe Marketing Management). Ist es wirklich nützlich, auf die Gesundheitswerbung für Jogurts mit rechtsdrehenden Joghurtkulturen reinzufallen? Ganz abgesehen von Werbung wird die Wahrnehmung von Nutzen durch Heuristiken und andere ulkige, nicht-rationale kognitive und emotionale Vorgänge gesteuert (siehe Entscheidungstheorie u.a.). Ist der Gang durch den Supermarkt nicht manchmal so nervenaufreibend, dass man lieber zuhause (oder im Seminar) geblieben wäre? Der gesamte Wahrnehmungs- und Entscheidungsapparat des Menschen scheint nicht mehr rational zu funktionieren. Unzählige Aspekte beeinflussen also das Handeln der Cowboys in Edgeworth Town. Wenn man sich als angehender Wissenschaftler das Tauschergebnis anschaut, kommen vielleicht doch Zweifel, ob der Tausch in Edgeworth-Town erfolgreich genannt werden darf!
Wie kann man mit diesen verschiedenen Verhaltensmustern umgehen? Warum kann es funktionieren, im einen Fall zu sagen „Wir hinterfragen Handlungsmotive nicht!“ und im anderen Fall „Jetzt hinterfragen wir Handlungsmotive!“? Und wann können wirklich davon ausgehen, dass die VWL eine bessere Welt geschaffen hat? Diese Überlegungen sind nur ein kleiner Ausschnitt aus dem verzweigten Verhaltenskomplex, mit dem die Volkswirtschaftslehre hantiert. Aber da Verhalten – neben dem Maximierungskalkül- das Fundament unserer Wissenschaft darstellt, sollte man doch in der Lage sein, eine zufrieden stellende Antwort finden zu können.
Von Robert Kappius
Dieser Beitrag wurde geschrieben am 6. December 2007 um 15:48:48 und abgelegt unter The homo oeconomicus is dead!. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können ein Kommentar schreiben oder ein Trackback hinterlegen.
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