Nur der schlechte Markt ist ein guter Markt
Von Christoph Breuninger
Unsere Zeit stellt uns vor eine Reihe von schwierigen Herausforderungen, angefangen von sozialer Ungerechtigkeit in Deutschland und global über ökologische Probleme bis hin zu sinkender subjektiver Lebensqualität trotz steigender Produktion und steigendem Konsum. Besonders aus Richtung der Wirtschaftswissenschaften hört man oft die These, die Probleme seien zu bewältigen, wenn der freie Markt besser funktionieren würde, was heißt: wenn man ihm staatlicherseits weniger Hemmnisse entgegenstellen würde, höchstens an der einen oder anderen Stelle einen Rahmen setzen.
Dem möchte ich provozierend entgegenhalten: Diese Probleme sind bisher nicht so stark aufgetreten, weil der freie Markt zwar existiert, aber nicht perfekt funktioniert hat. Und sie verschärfen sich mit der aktuell eigentlich immer freier werdenden Marktsituation. Dabei habe ich zunächst gar nicht den Staat als „Gegenspieler“ des freien Marktes im Blick, sondern natürliche, psychologische und geographische Markthindernisse. Es ist das Verschwinden dieser Markthindernisse, das unsere globale Marktordnung in die genannten Schwierigkeiten hineinmanövriert, nicht das Wachsen von Markthindernissen.
Ein perfekter Markt folgt bestimmten Regeln. So finden etwa Produktion und Konsum zu einem Gleichgewicht im Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve, der Preis für ein gleichartiges Gut ist überall gleich.
Demgegenüber weicht das Marktgeschehen eines nicht perfekten Marktes von diesen Regeln ab. Etwa weil der konkurrierende Anbieter eines Produktes dieses transportieren muss und damit teurer wird als der lokale Anbieter. Oder weil Konsumenten über ihre rationale Abwägung hinaus „irrationale“ Präferenzen zum Beispiel für einen vertrauten Anbieter haben.
Der mangelhafte Markt lässt also Lücken im regelhaften Systemablauf. Diese Lücken nun sind es, die ich spannend finde. Wir bekommen beigebracht, sie als Fehler und Probleme zu betrachten, der Idee folgend, dass die Marktteilnehmer – Menschen (!) – diese Lücken mit ihrem egoistischen Profit füllen, dass die Lücken somit zum Schaden der meisten Menschen wenige begünstigen. Sicher geschieht das.
Dennoch möchte ich dem entgegenhalten: Diese Lücken sind genau der Spielraum, in dem sich so etwas die ein positiver Unternehmergeist überhaupt entfalten konnte, nach dem heute so oft gerufen wird. Und diese Spielräume sozialer Verantwortung sind es, die das „System Kapitalismus“ so lange „geschmiert“ haben. Sie machten es möglich, dass Arbeitgeber sich über ihren eigenen Nutzen hinaus für ihre Angestellten verantwortlich fühlten. Oder dass sie ein Produkt anboten, das ihren eigenen Idealen von guter Ware entsprach, auch wenn der Kunde nicht in der Lage war, diese Qualität zu schätzen, oder erst nach längerer Zeit.
Wie sieht denn ein perfekter Markt wirklich aus? Er erzeugt einen großen Druck auf die Unternehmer, eliminiert die oben beschriebenen Spielräume. Ein zu teures oder qualitativ mangelhaftes Produkt wird gemieden und verschwindet vom Markt. Produkte werden in genau den Eigenschaften optimiert, auf die Konsumenten beim Kauf achten, andere als „unerwünschte Qualität“ (übrigens tatsächlich ein feststehender Begriff aus der BWL!) fallen gelassen, weil zu teuer.
Und so lange nicht Konsumenten beim Kauf die sozialen Eigenschaften des Unternehmens stark berücksichtigen, fallen unter diese unerwünschten Qualitäten genau die Aktionen sozial verantwortlichen Unternehmertums, nach denen so sehr gerufen wird. Sie kosten nämlich etwas.
Dass die Nachfrage sich in naher Zukunft derartig verändern wird, halte ich für sehr unrealistisch. Zu deutlich sind mir die Anzeichen, dass aus einer diffusen Angst, abgehängt zu werden, jeder einzelne im Gegenteil immer stärker seinen persönlichen Vorteil im Blick hat.
Diese Angst und diesen Egoismus übersetzt ein besserer, „freierer“ freier Markt immer unmittelbarer in die Gestalt des wirtschaftlichen Geschehens. In einem perfekten Markt bekommt man gewissermaßen direkt nach was man fragt. Auch wenn man nach etwas fragt, was sich in größeren Zusammenhängen denkend als ziemlichen Blödsinn erweist.
Was also tun? Die beschriebene Entwicklung des Marktes scheint mir wenig mit politischen Bedingungen zu tun zu haben, eher sich fast naturgesetzartig aus gewachsenen technischen Möglichkeiten unserer Zeit zu ergeben. Im Zusammenspiel vielleicht mit einer Gesellschaft, in der zuerst und zumeist an sich selbst zu denken zunehmend fast als Tugend betrachtet wird.
Dennoch bin ich der Meinung, dass politische Regulierungen eine gewisse Linderung verschaffen können, sie besänftigen ein wenig den Egoismus. Es ist so viel leichter, einen politischen Mehrheitswillen gegen Käfighaltung von Legehennen zu entwickeln als den Willen der selben Menge von Individuen, im Supermarkt die doppelt so teueren „tierfreundlichen“ Eier zu kaufen.
Um am Ende etwas metaphorisch zu werden: Ein freier Markt liefert insgesamt, wonach viele Einzelne fragen. Die Probleme unserer Zeit machen es aber nötig, nach bestimmten Dingen gemeinsam zu fragen. Wie genau? Den Markt mit mehr Gesetzen regulieren? In manchen Bereichen ganz auf Marktmechanismen verzichten? Ich weiß es nicht. Einen Weg zurück in die letzten Jahrzehnte, in denen die Fehler des Marktes sein Funktionieren ermöglicht haben, sehe ich jedenfalls nicht.
Dieser Beitrag wurde geschrieben am 27. December 2007 um 17:37:49 und abgelegt unter Kapitalismus vs. Nachhaltigkeit, The homo oeconomicus is dead!. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können ein Kommentar schreiben oder ein Trackback hinterlegen.
Betrachten wir “den Markt” als das, was er ist: ein Modell, angelehnt an die Wirklichkeit, dann könnten wir davon abkommen, in jeder Lücke einen Fehler im System zu sehen. Die menschliche Gesellschaft als heterogenes Gebilde kann mit Sicherheit nur mit diesen Marktlücken existieren. Daher ist es obsolet, dass die Wirtschftswissenschaftler versuchen, das ökonomische Service Pack zur Behebung bedeutender Fehler im Markt zu entwickeln.
Genau so wenig sollte dies jedoch der Staat versuchen. Und dies ist eigentlich keine ideologische Frage. Nicht die Markt- oder Staatswirtschaft als Philosophie sollten bestimmen, wer Einfluss auf einen bestehenden Markt nimmt. Alleine die Kompetenz sollte entscheiden. Dass die Linderung von Markthärten in vieler Leute Ansicht eine Aufgabe des Staates ist, halte ich daher für falsch.
Kein Staat als Organisation ist in der Lage die Interessen seiner Inländer (Marktteilnehmer) auf einem Markt richtig wahrzunehmen. Gerade weil er eine Lücke im System Markt ist. Er wird immer eine zu große Anzahl an Interessen (oder die der Stammwähler) berücksichtigen müssen. Eben nicht unbedingt die ökonomisch richtigen.
Und wenn der Staat dann einmal mit einer guten Idee Linderung von Härten verspricht, dann öffnet er die Büchse der Mindestlöhne…
Geschrieben am 27. December 2007 um 22:45:44 | PermalinkDer Artikel bringt mir wirklich die schlummernde Hoffnung auf “Gemeinschaftlichkeit trotz Markt” wieder ins Gedächtnis! Da aber überschäumendes Lob nichts bringt, kommen jetzt meine Bedenken-und dabei ist es (glaube ich) egal, ob man den Markt als System mit Fehlern betrachtet oder als Modell.
Geschrieben am 6. January 2008 um 22:24:49 | PermalinkIch formuliere die Fragestellung des Artikels mal so um, wie ich sie verstanden habe:
Bekommt man die gemeinschaftlichen Probleme politisch besser in den Griff als mit den Mechanismen des Marktes? Beim Markt als Umfeld taucht u.a. das Gefangenendilemma auf,das Dinge wie Umweltabkommen verhindert, bei staatlichen Mehrheitsentscheidungen verhindern Interessengruppenentscheidungen wie die Ölindustrie etc. das gleiche Vorhaben. Aber in beiden Fällen sind es doch (repräsentative) Menschen, die die Entscheidungen fällen, nur jeweils auf unterschiedliche Weise legitimiert. Und diese Menschen haben halt ihre Meinung. Ob sich diese im politischen Diskurs äußert oder direkt auf dem Markt, ist doch - Gefangenendilemma vielleicht ausgenommen - egal! Was letztendlich zählt, ist, dass Menschen aufgeklärt und gewissenhaft handeln. Den größeren Zusammenhang muss man ausserhalb von Politik und Markt in Erfahrung bringen, durch Erziehung, Offenheit, halluzigene Drogen…
“…aus einer diffusen Angst, abgehängt zu werden, jeder einzelne im Gegenteil immer stärker seinen persönlichen Vorteil im Blick hat.”
Das geht mir in letzter Zeit häufiger durch den Kopf. Auf der einen Seite werde gewisse Schulen von privaten Sicherheitsdiensten “geschütz”, auf der anderen Seite sehe ich Vororte nach amerikanischen Vorbild entstehen, mit weißen Gartenzäunen und riesigen Geländewagen mit denen Kinder auf teure Privatschulen gefahren werden.
Geschrieben am 9. January 2008 um 22:16:13 | PermalinkDeutschland 2008 erinnert mich an das Amerika der 80er unter Reagan.
Warum man solche angebotsorientierte Trickle-down-Theorien heute in Deutschland versucht werden ist mir unbegreiflich.