Privilegien der Freiheit
Von Johannes Vatter
Die gegenseitige Erfüllung von Bedürfnissen, der Tauschhandel, steht auch im 21.Jahrhundert im Zentrum ökonomischer Analysen. Ob Immobilienkrise, Bahnstreik oder Siemensaffären, es geht immer um das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage und die daraus entstehenden Probleme. Daran wird sich auch 2008 nichts ändern. Als Ökonomen gehen wir im Allgemeinen davon aus, dass bei den allermeisten Transaktionen beide Vertragsparteien ihre Situation verbessern. Dies wird meist aus der simplen Überlegung abgeleitet, dass ohne ein klares Interesse an einem Tauschhandel kein einziger Akteur auf dem Markt eine Willenserklärung abgegeben würde, welche erst zu einem Austausch führt. Handel produziert Nutzen, so lässt sich schlicht formulieren.
Dass der Horizont menschlicher Entscheidungsmechanismen im 19.Jh. für eine derartig einfache Paretoeffizienz zwischen den Handelnden ausreichte, mag naheliegend erscheinen. Die Komplexität des wöchentlichen Lebensmitteleinkaufs konnte, so ist anzunehmen, von der überwiegenden Mehrheit der Akteure ökonomisch nutzenstiftend bewältigt werden. Inwiefern Kauf- oder Verkaufsentscheidungen der sich im hochentwickelten Kapitalismus befindenden Gegenwart stets wohl überlegt sind und zum Wohle des Käufers bzw. des Verkäufers beitragen, hinterfragt der Artikel von Herrn Kappius vollkommen zurecht (vgl. „Äpfel und Bananen: Was nützen sie wirklich?“). Aber gut, gehen wir einmal davon aus, dass auch in unserer materiell gesättigten und von Werbung durchfluteten heutigen Welt jede Fertigpizza, jeder Flachbildschirm und jeder Lippenstift, der den Ladentisch überquert, den beteiligten Vertragsparteien einen nachhaltigen Nutzenzugewinn beschert. Nehmen wir also an, dass wirklich jede Kaufentscheidung zum Wohle beider Vertragsparteien sei. Selbst unter dieser schroffen Annahme bleibt die Frage nach möglichen Auswirkungen auf Außenstehende, die dem Tauschhandel einen Zacken aus seiner nutzenstiftenden Krone brechen könnten. Diese Außenwirkungen sind uns als Externalitäten hinreichend bekannt. Soweit so gut.
Die Freiburger Schule lehrt uns nun das Ideal der privilegienfreien Ordnung. Eine auf private Akteure basierende, marktwirtschaftlich organisierte Wirtschaftsform, wobei dem Staat die Rolle zukommt, dafür zu sorgen, dass keiner der privaten Akteure über sein wirtschaftliches Handeln hinaus nach einer größeren politischen Macht strebt, als jener, die ihm als Bürger von Rechtswegen zusteht. Eine der staatlichen Kernaufgaben nach Eucken ist also die Bekämpfung von Begehrlichkeiten und Lobbyismus. Am besten wäre es gar, wenn es rechtlich überhaupt keinen Spielraum für Subventionen und Begünstigungen gäbe – ein in der Verfassung verankertes Privilegienverbot! Dieser Idee kann ich vieles abgewinnen. Viel zu viele Gruppen und Personen schöpfen jeden Tag Renten ab, die weder marktwirtschaftlich noch moralisch zu rechtfertigen sind. Seien es Pharmaunternehmen oder Energieriesen, Berg- oder Milchbauern, jedes Jahr verteilt die Gesellschaft Milliarden um, ohne dass irgendjemand imstande wäre hierfür schlüssige Argumente zu liefern. Was hat Euckens Idee von einer privilegienfreien Ordnung nun aber mit Externalitäten zu tun?
Ich behaupte, dass sich die Argumentation Euckens noch in erheblichem Maße erweitern lässt, denn letztlich stellt auch jede Externalität, die nicht internalisiert ist, ein Privileg dar. Externe Effekte, die bei Tauschgeschäften nicht berücksichtigt werden, beinhalten eine klare Begünstigung derjenigen Personen, die an einer solchen Transaktion beteiligt sind. Es handelt sich wie im Bereich vieler Subventionen um eine Bereicherung auf Kosten Anderer, denn wenn ich meinen Müll kostenlos in die Luft entlasse und die gesamte Gesellschaft dafür die Rechnung bezahlt, wo liegt der Unterschied? Wenn dies jedoch so ist, komme ich zu einer ganz anderen Schlussfolgerung als Eucken. Bei Eucken hatte sich der Staat dadurch ausgezeichnet, dass er sich aus den wirtschaftlichen Prozessen heraus gehalten hat, dass er eben keine Subventionen vergab und keine Extrawürste verteilte. Im Falle von Externalitäten, so lehrt uns Pigou, können Subventionen oder Lenkungssteuern ein Segen sein und lösen Probleme anstatt sie zu verursachen. Eine mögliche privilegienfreie Ordnung existiert also erst dann, wenn alle erfassbaren und kurierbaren externen Effekte via Steuern und Gesetze in die Preise der Güter und Dienstleistungen einbezogen werden.
Womöglich hat Eucken diesen Aspekt nicht beachtet, weil ihm Externalitäten als Phänomen nicht sonderlich gewichtig vorkamen, insbesondere im Verhältnis zu all den Kartellen und Verkrustungen des Marktes in der Weimarer Republik, aber vor allem auch während des Dritten Reichs. Betrachtet man klassische Lehrbücher der Ökonomie werden externen Effekte meist recht schnell abgehandelt. Daran hat sich auch heute nicht viel geändert. Ein Viehzüchter passt nur ungenügend auf seine Herde auf, ein Fabrikbesitzer entlässt seine giftigen Abwässer in einen nahe liegenden Fluss… All diese Beispiele haben einen sehr langen Bart und waren sicherlich weit verbreitete Phänomene, sei es im Wilden Westen oder während der europäischen Industrialisierung. In China oder Brasilien kann man letzteres heute leider wieder in beängstigendem Ausmaß beobachten. Jedenfalls gab es immer einen dummen Dritten, und dieser war meistens gleich um die Ecke, der Farmer von nebenan etwa oder ein Fischer nur wenige Meter flussabwärts von sagen wir mal den Badischen Anilin und Soda Fabriken - alles überschaubare und einfache Geschichten. Welche Rolle spielen externe Effekte aber in unserer heutigen Zeit? In einer Zeit, in der sich nahezu jeder Teil der Erde mit jedem anderen Teil in einer regen Tauschbeziehung befindet. In einer Zeit, in der sich, nach Smithschem Vorbild, jeder Arbeitsprozess mitunter auf einem anderen Kontinent befindet und der Konsument in der Tat nicht mehr weiß wie ein Kühlschrank hergestellt wurde und vor allem nicht von wem und unter welchen Umständen. Während 90% der Bevölkerung im 19 Jh. noch regelmäßig Zeugen einer der seltenen Schlachtungen wurden und die negativen externen Effekte, die eine Tötung eines Lebewesens mit sich bringt, zumindest noch erahnen konnte, gehen 90% der Bevölkerung im 21 Jh. ohne Skrupel zur Fleischvitrine und versorgen sich regelmäßig mit „Grundnahrungsmitteln“. Ein Biosystem verabschiedet sich nach dem anderen. Wir verbrauchen täglich mehr als zehnmal so viel Energie wie der durchschnittliche Chinese und 100mal so viel wie der durchschnittliche Afrikaner. Aber die Steuern, die wir von unseren Geschäftsreisenden und Pendlern abverlangen stecken wir wieder in unsere Straßen oder unsere Rüstung anstatt sie den Völkern dieser Erde auszubezahlen, auf deren Kosten wir in den McDrive fahren. Die Externalitäten haben eine neue Dimension eingenommen. Unsere gesamte Industriegesellschaft genießt Privilegien, die andere Gesellschaften oder andere Wesen zu bezahlen haben. Dabei diskutieren wir mit einer Arroganz spanischen Eroberer, ob ein Tempolimit auf der deutschen Autobahn angebracht wäre und beschweren uns bei der europäischen Umweltkommission im Auftrag von Daimler und BMW. Wie ein Unternehmen in den 20ern gegenüber dem deutschen Staat, sichert sich der deutsche Staat, beeinflusst von großen Industrieunternehmen, gegenwärtig seine Privilegien gegenüber der Welt. Es ist höchste Zeit, die Idee der Freiburger Schule wieder zu aktivieren und für eine privilegienfreie Weltordnung einzustehen.
Dieser Beitrag wurde geschrieben am 7. January 2008 um 02:26:04 und abgelegt unter Kapitalismus vs. Nachhaltigkeit, Neuste Freiburger Schule, The world is flat!. Die Kommentare mit diesem RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können ein Kommentar schreiben oder ein Trackback hinterlegen.
Hallo Johannes,
deinem Beitrag kann ich - trotz mancher Vereinfachung - vieles abgewinnen.
Die Frage die sich also stellt ist: Wer (welche Institution) internalisiert die externen Effekte, die ein Staat - in wessen “Auftrag” auch immer - verursacht?
Viele grüße au Warschau,
Elias
Geschrieben am 13. January 2008 um 22:11:20 | PermalinkWenn sich der deutsche Staat bzw. allgemein die Industrienationen Privilegien sichern, müsste es vielleicht eine internationale Institution sein… Ich meine, erstmal haben ja deutsche Politiker einen Anreiz z.B. mit Agrarsubventionen deutsche Bauern zu schützen. Es sei denn, dass genügend deutsche Wähler/Aktivisten ihren Widerstand gegen solche Subventionen artikulieren…
Geschrieben am 14. January 2008 um 19:42:29 | PermalinkDas eine Internalisierung der angesprochenen Effekte in einer Zeit der Privilegiensicherung sinnvoll erscheint, mag sein.
Nur soll doch bitte nicht nach noch einem Staat oder einer weiteren staatlichen Organisation gerufen werden, die diese Internalisierung von externer Stelle übernimmt!
Geschrieben am 16. January 2008 um 22:12:49 | Permalink